
Wem gehört der Wohlstand in Österreich?
Österreich gilt als reiches Land. Doch wie genau ist dieser Reichtum verteilt? Wer besitzt wie viel, und wo beginnt die Spitze der Vermögensverteilung?
Lange Zeit fehlten verlässliche Daten, um das Vermögen der Privathaushalte zu messen. Das änderte sich mit dem Household Finance and Consumption Survey (HFCS). Diese europaweite Erhebung der Zentralbanken liefert erstmals detaillierte Einblicke in die Finanzen der Haushalte.
Doch inwieweit ermöglichen solche Umfragen, die Vermögensverteilung akkurat abzubilden? Besonders an der Spitze ist Reichtum oft schwer zu fassen. Um herauszufinden, ob die offiziellen Zahlen das wahre Ausmaß der Ungleichheit abbilden, muss man über die Befragungen hinausblicken.
Diese interaktive Auswertung nimmt dich mit auf eine Spurensuche: Wir betrachten zuerst die Erkenntnisse aus dem HFCS und untersuchen dann, wie die „blinden Flecken” der Statistik ausgeleuchtet werden können.
Wie groß ist das durchschnittliche Vermögen des obersten Prozents der Haushalte im Vergleich zum
· mittleren Vermögen der unteren Hälfte der Haushalte
· mittleren Vermögen aller Haushalte?
Mit dem mittleren Vermögen ist das Vermögen jenes Haushalts gemeint, der sich – nachdem alle Haushalte nach ihrem Vermögen sortiert wurden – genau in der Mitte befindet.

Was sind die Gründe für die Untererfassung vermögender Haushalte?
Für die HFCS-Erhebung wird eine Stichprobe von Haushalten in Österreich befragt. Eine ideale Stichprobe repräsentiert Haushalte verschiedener Gruppen gleichmäßig und erlaubt valide Aussagen über die Grundgesamtheit, also die privaten Haushalte in Österreich.
Beim HFCS sind jedoch wohlhabendere Haushalte unterrepräsentiert.
Dass das Gesamtvermögen und damit die Ungleichheit in einer Gesellschaft in Umfragen meist zu niedrig eingeschätzt werden, hat drei Hauptgründe.
Wie kann man sich der tatsächlichen Vermögensverteilung annähern?
Um ein realistisches Gesamtbild zu zeichnen, können die Befragungsdaten anhand der trend.-Reichstenliste ergänzt werden. Dieses Verfahren macht jene Vermögen sichtbar, die in der Haushaltsbefragung sonst unterrepräsentiert bleiben.
Zwischen dem Vermögen des reichsten Haushalts der Umfrage (ca. 12 Mio. Euro) und dem Vermögen auf dem untersten Rang der Reichstenliste (290 Mio. Euro) klafft ein riesiges Loch.
Mithilfe der Pareto-Verteilung kann man beschreiben, wie sich Vermögen bei sehr reichen Menschen typischerweise verteilt. Sie beruht auf der Beobachtung, dass in vielen Gesellschaften wenige Menschen einen großen Teil des Vermögens besitzen, während viele Menschen nur wenig haben.
Die Pareto-Verteilung ist ein mathematisches Modell, das zeigt, wie stark das Vermögen an der Spitze konzentriert ist. Da sehr reiche Haushalte in Umfragen oft nicht erfasst werden oder keine Angaben machen, hilft dieses Modell dabei, ihre Anzahl und ihr ungefähres Vermögen statistisch abzuschätzen.
Ab einer Grenze von vier Millionen Euro werden die Befragungswerte durch statistisch modellierte Haushalte ersetzt. Ziel ist es, die tatsächliche Konzentration am oberen Rand der Verteilung in Österreich realitätsgetreu abzubilden.
Damit statistische Ausreißer das Ergebnis nicht künstlich aufblähen, wurde eine Obergrenze eingezogen: Vermögenswerte werden bei zehn Milliarden Euro gedeckelt. Selbst wenn das mathematische Modell theoretisch noch höhere Extremwerte zulassen würde, stellt dieser „Deckel” sicher, dass das Gesamtbild nicht durch einzelne, besonders hohe Schätzwerte verzerrt wird.
Nach dieser statistischen Anpassung zeigt sich ein genaueres Bild der der Vermögen in der Spitze.
Die Vermögensverteilung in Österreich stellt sich nun wie folgt dar:
Herkömmliche Befragungen stoßen bei der Erfassung sehr hoher Vermögen an methodische Grenzen. Während für die unteren 90 Prozent der Haushalte eine solide Datengrundlage vorliegt, entstehen an der Spitze der Verteilung statistische Lücken.
Die statistische Anpassung schätzt, dass das reichste Prozent einen Anteil von 41 Prozent am Gesamtvermögen hält.
Um die Genauigkeit dieser Zahlen künftig weiter zu erhöhen, empfehlen Forschende eine Erweiterung der Datengrundlage nach internationalem Vorbild: Statt rein freiwilliger Umfragen könnte die Nutzung anonymisierter Steuerdaten, wie sie bereits in Frankreich oder Spanien praktiziert wird, die Verteilungsspitze exakter abbilden. Eine solche methodische Verbesserung des HFCS in Österreich würde die Grundlage dafür bieten, dass die öffentliche Debatte über die Verteilung von Wohlstand und gesellschaftlicher Verantwortung auf einer möglichst präzisen wissenschaftlichen Basis geführt wird.
Quellen
Die hier dargestellten Erkenntnisse und Verteilungen basieren auf der Arbeit von Ines Heck, Anna Hornykewycz, Jakob Kapeller und Rafael Wildauer (2024): Vermögensverteilung in Österreich: Eine Analyse auf Basis des HFCS 2021/22. In: Materialien zu Wirtschaft und Gesellschaft Nr. 255. Working Paper-Reihe der AK Wien.
Weitere Quellen
- Isotypen: Gerd Arntz Web Archive: https://www.gerdarntz.org/isotype.html, digital bearbeitet
- Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/21004/vermoegen/
- Household Finance and Consumption Survey 2021: https://www.hfcs.at/ergebnisse-tabellen/hfcs-2021.html, Standard-Output-Tabellen (Download)
- Statistik Austria: https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/bevoelkerung/familien-haushalte-lebensformen/privathaushalte














