Wem gehört der Wohlstand in Österreich?

Autor

Ansgar Wolsing

Österreich gilt als reiches Land. Doch wie genau ist dieser Reichtum verteilt? Wer besitzt wie viel, und wo beginnt die Spitze der Vermögensverteilung?

Lange Zeit fehlten verlässliche Daten, um das Vermögen der Privathaushalte zu messen. Das änderte sich mit dem Household Finance and Consumption Survey (HFCS). Diese europaweite Erhebung der Zentralbanken liefert erstmals detaillierte Einblicke in die Finanzen der Haushalte.

Doch inwieweit ermöglichen solche Umfragen, die Vermögensverteilung akkurat abzubilden? Besonders an der Spitze ist Reichtum oft schwer zu fassen. Um herauszufinden, ob die offiziellen Zahlen das wahre Ausmaß der Ungleichheit abbilden, muss man über die Befragungen hinausblicken.

Diese interaktive Auswertung nimmt dich mit auf eine Spurensuche: Wir betrachten zuerst die Erkenntnisse aus dem HFCS und untersuchen dann, wie die „blinden Flecken” der Statistik ausgeleuchtet werden können.

Vermögen sind alle in Geld bewerteten dauerhaften Güter und Rechte wie Grundbesitz, Wertpapiere oder Bargeld einer Person oder eines privaten Haushalts.

Der Begriff Haushalt bezeichnet eine allein lebende Person oder eine Gruppe von Personen, die zusammen in derselben privaten Wohnung leben und sich die Ausgaben teilen, einschließlich der gemeinsamen Beschaffung lebensnotwendiger Dinge.

In Österreich gibt es rund 4,1 Millionen Privathaushalte. Hinter dieser Zahl verbergen sich viele verschiedene Haushaltsformen, etwa Familien, Alleinlebende, Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenhäuser. Statistisch gesehen zählt jede Gruppe von Menschen als Haushalt, die sich eine Wohnung teilt und die Kosten für das tägliche Leben gemeinsam trägt.

Stelle dir vor, diese 100 Haushalte stehen für die alle privaten Haushalte Österreichs.

Ein Haushalt repräsentiert ein Prozent der österreichischen Haushalte. 🇦🇹

Jeder Haushalt besitzt ein bestimmtes Vermögen.

Dann sind diese 50 Haushalte hier die Hälfte der Haushalte.

Wenn man die privaten Haushalte nach der Höhe ihres Vermögens ordnet, dann ist dies die Hälfte der Haushalte mit dem geringsten Vermögen.

Diese zehn Haushalte besitzen das höchste Vermögen.

Und dann gibt es unter diesen zehn Haushalten einen Haushalt mit dem höchsten Vermögen.



Wie groß ist das durchschnittliche Vermögen des obersten Prozents der Haushalte im Vergleich zum

· mittleren Vermögen der unteren Hälfte der Haushalte
· mittleren Vermögen aller Haushalte?

Mit dem mittleren Vermögen ist das Vermögen jenes Haushalts gemeint, der sich – nachdem alle Haushalte nach ihrem Vermögen sortiert wurden – genau in der Mitte befindet.


Jedes Haus repräsentiert wieder ein Prozent der privaten Haushalte; jede Münze ein Prozent des Gesamtvermögens der privaten Haushalte.

Die untere Hälfte der Haushalte verfügt über fünf Prozent des gesamten Vermögens privater Haushalte.

Die nächsten 40 Prozent der Haushalte (51. bis 11. Perzentil) verfügen über 43 Prozent.

Die nächsten 9 Prozent der Haushalte (10. bis 2. Perzentil) verfügen über 36 Prozent.

Das oberste Prozent der Haushalte besitzt allein 16 Prozent des gesamten Vermögens der privaten Haushalte.

Dass zugleich die untere Hälfte der Haushalte zusammen lediglich über rund fünf Prozent der privaten Vermögen verfügt, verdeutlicht die Vermögenskonzentration in Österreich.

Die obersten zehn Prozent der Haushalte verfügen sogar insgesamt über mehr als die Hälfte (52 Prozent) der gesamten Vermögen.

90 Prozent der Haushalte teilen sich die andere Hälfte des Gesamtvermögens.

Aber: Diese Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte. Es gibt ein systematisches Problem:

Große Unternehmens- beteiligungen, Stiftungsvermögen und hohe Privatvermögen werden in Haushaltsbefragungen häufig nur unvollständig erfasst.

Wer wirklich reich ist, wird von Zufallsstichproben oft schlicht nicht erfasst. Solche Befragungen unterschätzen die Höhe der Vermögen besonders reicher Haushalte - und somit auch die Konzentration von Vermögen an der Spitze der Verteilung.

Wie teilt sich das Vermögen der privaten Haushalte in Österreich auf?

Wie teilt sich das Vermögen der privaten Haushalte in Österreich auf?

Wie teilt sich das Vermögen der privaten Haushalte in Österreich auf?

Wie teilt sich das Vermögen der privaten Haushalte in Österreich auf?

Wie teilt sich das Vermögen der privaten Haushalte in Österreich auf?

Wie teilt sich das Vermögen der privaten Haushalte in Österreich auf?

Wie teilt sich das Vermögen der privaten Haushalte in Österreich auf?

Was sind die Gründe für die Untererfassung vermögender Haushalte?

Für die HFCS-Erhebung wird eine Stichprobe von Haushalten in Österreich befragt. Eine ideale Stichprobe repräsentiert Haushalte verschiedener Gruppen gleichmäßig und erlaubt valide Aussagen über die Grundgesamtheit, also die privaten Haushalte in Österreich.

Beim HFCS sind jedoch wohlhabendere Haushalte unterrepräsentiert.

Dass das Gesamtvermögen und damit die Ungleichheit in einer Gesellschaft in Umfragen meist zu niedrig eingeschätzt werden, hat drei Hauptgründe.

Nicht-Beobachtung:

Sehr vermögende Haushalte sind sehr selten.

Bei einer zufälligen Stichprobe ist die Chance daher sehr gering, dass überhaupt einer dieser wenigen Multimillionäre oder Milliardäre ausgewählt wird. Da ihre Vermögen in der Rechnung fehlen, wird das Gesamtvermögen eines Landes unterschätzt.

Systematische Antwortverweigerung:

Studien zeigen, dass besonders reiche Menschen seltener bereit sind, Auskunft über ihr Vermögen zu geben. Wenn aber gerade die Spitzenreiter die Antwort verweigern, entsteht ein verzerrtes Bild (Selektionsbias), und die Schere zwischen Arm und Reich erscheint kleiner, als sie in der Realität ist.

Untererfassung:

Selbst wenn reiche Haushalte an der Umfrage teilnehmen, geben sie oft nicht den vollen Wert ihres Besitzes an. Das kann absichtlich geschehen (um den Reichtum zu verbergen) oder unabsichtlich (weil der genaue Wert von Immobilien oder Firmenanteilen schwer zu schätzen ist). In beiden Fällen werden die Zahlen in der Statistik zu niedrig angesetzt.

1000 kleine Häuser, in einem Raster angeordnet, 2 Häuser sind lila, die anderen grau
1000 kleine Häuser, in einem Raster angeordnet, 2 Häuser sind lila, die anderen grau, einige graue Häuser und ein lila Haus werden von einem Rechteck umschlossen
Gleiches Bild, das lila-farbene Haus ist jedoch verschwunden
Ein Bild mit Symbolen verschiedener Vermögensarten. Ein Haus und eine Fabrik sind ausgegraut

Wie kann man sich der tatsächlichen Vermögensverteilung annähern?

Um ein realistisches Gesamtbild zu zeichnen, können die Befragungsdaten anhand der trend.-Reichstenliste ergänzt werden. Dieses Verfahren macht jene Vermögen sichtbar, die in der Haushaltsbefragung sonst unterrepräsentiert bleiben.

Zwischen dem Vermögen des reichsten Haushalts der Umfrage (ca. 12 Mio. Euro) und dem Vermögen auf dem untersten Rang der Reichstenliste (290 Mio. Euro) klafft ein riesiges Loch.



Ein kleiner Kreis mit der Beschriftung 12 Millionen Euro, daneben ein großer Kreis mit der Beschriftung 290 Millionen Euro. Die Flächen der Kreise sind proportional zur jeweiligen Zahl

Mithilfe der Pareto-Verteilung kann man beschreiben, wie sich Vermögen bei sehr reichen Menschen typischerweise verteilt. Sie beruht auf der Beobachtung, dass in vielen Gesellschaften wenige Menschen einen großen Teil des Vermögens besitzen, während viele Menschen nur wenig haben.

Die Pareto-Verteilung ist ein mathematisches Modell, das zeigt, wie stark das Vermögen an der Spitze konzentriert ist. Da sehr reiche Haushalte in Umfragen oft nicht erfasst werden oder keine Angaben machen, hilft dieses Modell dabei, ihre Anzahl und ihr ungefähres Vermögen statistisch abzuschätzen.

Ab einer Grenze von vier Millionen Euro werden die Befragungswerte durch statistisch modellierte Haushalte ersetzt. Ziel ist es, die tatsächliche Konzentration am oberen Rand der Verteilung in Österreich realitätsgetreu abzubilden.

Damit statistische Ausreißer das Ergebnis nicht künstlich aufblähen, wurde eine Obergrenze eingezogen: Vermögenswerte werden bei zehn Milliarden Euro gedeckelt. Selbst wenn das mathematische Modell theoretisch noch höhere Extremwerte zulassen würde, stellt dieser „Deckel” sicher, dass das Gesamtbild nicht durch einzelne, besonders hohe Schätzwerte verzerrt wird.

Nach dieser statistischen Anpassung zeigt sich ein genaueres Bild der der Vermögen in der Spitze.

Die Vermögensverteilung in Österreich stellt sich nun wie folgt dar:

Auf Grundlage der Befragungsdaten besitzt das oberste Prozent der Haushalte 16 Prozent der privaten Vermögen in Österreich.

Wie hoch das tatsächliche Vermögen des obersten Prozent ausfällt, wenn man mit dem beschriebenen Verfahren schätzt?

Es sind 41 Prozent.

Ein Haushalt besitzt mit 41 % also gar nicht so viel weniger als die 99 übrigen Haushalte.

Wenn man das Vermögen der oberen zehn Prozent zusammennimmt, dann ist diese Vermögen doppelt so hoch wie das der übrigen 90 Haushalte.

Und die untere Hälfte der Haushalte?

Ihr Anteil am Gesamtvermögen privater Haushalte beträgt nach der Anpassung lediglich drei Prozent.

16 lilafarbene Münzen

41 lilafarbene Münzen

Links: ein großes lilafarbenes Haus und 41 Münzen, rechts: 99 kleine graue Häuser und 59 Münzen
Links: ein lilafarbenes großes Haus, 9 blaue kleine Häuser und 67 Münzen, rechts: 90 graue Häuser und 33 Münzen
50 graue Häuser und drei schwarze Münzen

Herkömmliche Befragungen stoßen bei der Erfassung sehr hoher Vermögen an methodische Grenzen. Während für die unteren 90 Prozent der Haushalte eine solide Datengrundlage vorliegt, entstehen an der Spitze der Verteilung statistische Lücken.

Die statistische Anpassung schätzt, dass das reichste Prozent einen Anteil von 41 Prozent am Gesamtvermögen hält.

Um die Genauigkeit dieser Zahlen künftig weiter zu erhöhen, empfehlen Forschende eine Erweiterung der Datengrundlage nach internationalem Vorbild: Statt rein freiwilliger Umfragen könnte die Nutzung anonymisierter Steuerdaten, wie sie bereits in Frankreich oder Spanien praktiziert wird, die Verteilungsspitze exakter abbilden. Eine solche methodische Verbesserung des HFCS in Österreich würde die Grundlage dafür bieten, dass die öffentliche Debatte über die Verteilung von Wohlstand und gesellschaftlicher Verantwortung auf einer möglichst präzisen wissenschaftlichen Basis geführt wird.





Quellen

Die hier dargestellten Erkenntnisse und Verteilungen basieren auf der Arbeit von Ines Heck, Anna Hornykewycz, Jakob Kapeller und Rafael Wildauer (2024): Vermögensverteilung in Österreich: Eine Analyse auf Basis des HFCS 2021/22. In: Materialien zu Wirtschaft und Gesellschaft Nr. 255. Working Paper-Reihe der AK Wien.

Weitere Quellen